Ein Fazit nach 5 Monaten auf See.

Genau 2.749,8 Seemeilen, 147 Tagen an Bord, 7 besuchte Länder, 137 Häfen und Ankerbuchten. Das ist das Fazit in Kürze.

Seit Dienstagabend bin ich wieder in Berlin. Seit Dienstagabend wache ich ohne Mövengeschrei und Windgeräusche in Wanten und Segeln auf. Ich schaue nicht als erstes auf den Wetter- und Windbericht, ob die Batterien noch voll sind und, ob das Barometer gestiegen oder gefallen ist. Kein Blick auf die Seekarte, um abzuschätzen, welcher Hafen oder welche Bucht das heutige Ziel sein könnte. Die gestern Abend eingeholte Gastlandflagge und „Nationale“ muss nicht wieder gesetzt werden. Kein Blick auf die Tankanzeigen oder Festmacherleinen – wie schade.

Dafür Wäschewaschen, alles von Bord Mitgenommene verräumen, einkaufen, den Garten begutachten, ein paar Blumen pflanzen, Klavier üben etc. Der Gedanke drängt sich auf: Was mache ich hier? Was will ich hier? Die Anwort könnte lauten: Eigentlich will ich wieder zurück auf die Moyenne. Aber nun bin ich wieder hier, so wie geplant, und das ist auch gut so.

Am ersten Abend stehe ich im Badezimmer vor dem Waschbecken und denke: „Irgendetwas ist hier anders …“. Vier Stunden später fällt mir ein, dass ich ein neues Waschbecken vor meiner Abreise bestellt hatte. Dieses wurde nun in der Zwischenzeit eingebaut.  Im Supermarkt stehe ich vor dem Einkaufswagen. Oberhalb des Griffes ist eine Halterung/Vorrichtung für ein Handy. Was soll das? Wie bekomme ich den Einkaufswagen da raus? Ich rüttele an dem Wagen. Eine Frau neben mir meint, ich solle einfach den Chip oder einen Euro unten in den Schlitz stecken, dann könne ich den Wagen rausziehen. Darauf hätte ich eigentlich auch selbst kommen können, aber ich habe seit fünf Monaten keinen Einkaufswagen mehr benutzt. Auch im Haus stellt sich öfters die Frage: Wo ist nochmal das XY? Handgriffe, die vor 5 Monaten automatisiert erfolgte, stocken nun.

Die letzten 5 Monate waren von zahlreichen schönen Erinnerungen geprägt. Es würde den Rahmen sprengen, diese alle aufzuzählen. Dennoch: Hier kommen der Reiseverlauf und ein paar Hightlights in Kurzfassung, stichpunktartig ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Die Abfahrt mit Leonie aus Neustadt bei viel Wind und Ankunft in Schlutup.
  • Anschließende Schiffstaufe mit Lili und Fritz, Leonie und Lara, Michael, Heike und Christian.
  • Der Beginn der Reise. Wir setzten den „blauen Peter“ zum Zeichen der Abreise. Die Flagge hatte ich von Ralf bekommen.
  • Die erste Woche auf See mit Leonie und Reisefieber. Schiff kennenlernen. Das Segeln zu zweit genießen.
  • Die erste große Solofahrt von Warnemünde nach Barhöft und dann weiter nach Stralsund. Leonie kommt wieder an Bord. Wir besuchen die Gorch Fock 1, die in nur 100 Tagen gebaut wurde. Dann geht es weiter in Richtung Polen.
  • Mit Elke weiter die polnische Küste entlang. Passkontrolle durch die Guardia Civil. Strafe zahlen, da Elkes Pass abgelaufen war. Viele gemeinsame Erinnerungen an meinen Bruder. Viel Wind aus NO. Kühle Temperaturen.
  • Mit Gilbert von Danzig nach Riga. 30 Star-Link Satelliten auf der Nachtfahrt nach Gotland. Der „private“ Busshuttle von Visby zum Hafen. Russische Suppe und supernetter Abend mit den Wracktauchern Martin und Sergje sowie seiner Frau. Treffen der Marinetaucher in Ventspils („… What is the Name of the Game?“). Die tolle Stadt Riga, Treffen mit Freunden von Gilbert. Zigarre und Whisky mit „Time-Limit“ um 23.20 Uhr.
  • Gemeinsam mit Christian geht es durch den Meerbusen von Riga und bei Saarema vorbei die Küste Estlands entlang nach Tallin. Es sind perfekte Segeltage mit teilweise längeren Schlägen und steigenden Temperaturen. Feinstes Seafood im „Nautilus“ in Tallin. Treffen mit Henner und Kai in Tallin. Überfahrt nach Helsinki (leider ohne Wind). Dortige Hafen-Action auf Grund der stattfindenden, international besetzen Regatta.
  • Eintauchen in die Schärenwelt mit Karin und Michael, die in Helsinki an Bord kamen. Fahrten durch enge Passagen, Bullerbü-Häfen, Sommerwetter.
  • Traumhaftes Segeln in den Alands. Das Abhaken unzähliger Tonnen. Unvergessen die Ankerbucht bei Torres Viken und Svinskär und der dortige Abend auf dem Felsen und eine lustige Schlauchbootfahrt.
  • Alleine durch die Alands an die NO-Küste. Sauna mit herrlichem Blick auf den Hafen und  den Bottnischen Meerbusen. Durch den Schärendschungel weiter nach Kustavi (finnische Westküste).
  • Wieder in paar Tage nur mit Leonie, wie schön! Nächtliches Gewitter in der Ankebucht. Sehr schöne Segeltage dann im Verlauf mit Lara und Leonie. Traumhafte Ankerbuchten. Schlauchbootfahren. Baden. Barsche Angeln. Drohne versenken.
  • Solo von Marieham (Hauptstadt der Alands) nach Schweden und weiter durch die Schärenwelt in Richtung Stockholm.
  • Mit Lili zwei Tage in Stockholm (Vaasa Museeum, Stadtbummel, Pub-Bbesuch mit der Chuck Berry Revival-Band, Ausstellung von Karin Bross usw.). Dann folgten weitere perfekte Segeltage mit sehr netten Häfen u.a. Utö, aber auch wieder vielen lieblichen und einsamen Ankerbuchten. Lili steuerte die Moyenne durch die Schären, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht. Wir hatten viel Spaß beim Segeln, Kochen, Schachspielen und Chillen.
  • Von Nyköping ging es alleine weiter in Richtung Vestervik, Kalmar und Karlskrona. Sehr netter Abend mit anderen Seglern in Vestervik im ABBA Hotelrestaurant. Raue Fahrt, rein und raus aus dem Schärengürtel, mit viel Wind. Plotterprobleme in Kalmar. Nebel im Kalmarsund und „knappe“ Brückendurchfahrt (18 Meter, Masthöhe mit Antenne 16.10 Meter) nach Karlskrona.
  • Mit Hannes und Alexandra weiter nach Kopenhagen. Viele Erinnerungen an die vielen Seemeilen, die Hannes und ich gemeinsam auf der Ostsee mit der SS Amphitrite, der VIKI und später in Kanada mit der Hunter 35 verbracht haben. Unvergessen auch die lange Nacht im Pub in Kopenhagen mit dem Gitarristen John Garrisson (spielt Bass u.a. bei James Blunt etc.) und vielen Gesprächen mit Beth und Mike aus Bosten und div. anderen netten Leuten.
  • Michael kommt erneut an Bord, um nochmal „richtig“ zu segeln. Also mit Welle, Wind und vielen Meilen pro Tag. Klappt gut, denn das Wetter meint es gut mit uns. Dennoch wird es wieder ein „Akt“ um Möns Klint herum nach Klintholm zu kommen. Weiter geht es nach Gedser. Hier ist für Michael Schluss mit Lustig.
  • Für mich geht es nochmal nach Norden, und in einem Schlenker durch die Dänische Südsee über Femö, Lundeborg nach durch den Svendborgsund nach Bagenkoop. Dann in einem letzten langen Schlag nach Grömitz. Die Flaggen der 7 besuchten Länder werden – nicht ohne Stolz – unter der Steuerbord-Saling gesetzt.
  • Leonie kommt an Bord – wie schön, dass ich mit ihr die Reise beenden kann, die ich gemeinsam mit ihr vor 5 Monaten begonnen haben. Noch einmal Segel setzen, und als das Lied „I am Sailing“ von Rod Steward aus den Cockpitlautsprechern ertönt, hat der Skipper doch deutlich feuchte Augen. 
  • Einlaufen in Neustadt nach 2.749.8 Seemeilen. 

Die Vorbereitung der Reise hat knapp 2 Jahre in Anspruch genommen. Es war ein langer gehegter Wunsch von mir, auf eigenem Kiel, ohne Zeitdruck, die Ostsee zu bereisen. Das Schiff hat mich sicher auf diesem Weg begleitet. Es ist mein Traumschiff und die Reise war – so wie ich sie mir vorgestellt habe – eine Traumreise. Ich bin froh, dass ich sie machen konnte, meinen Traum in die Tat umgesetzt habe und zwar in diesem Jahr, und nicht auf „irgendwann“ gewartet habe.

Leonie hat mir für die Moyenne einen Zirkel mit einer Gravur geschenkt. Darauf ist zu lesen: „Mögen Freude, Liebe und treue Schutzengel deine Reisebegleiter sein.“ Alle waren auf meiner Reise dabei. Dafür bin ich unendlich dankbar.

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